Am Anfang war das Plagiat

Wenn über Wissenschaft geschrieben wird, geht es meistens um neue Entdeckungen und wie aufregend das alles ist. Zweifellos interessant. Doch darum geht es hier nicht. Hier soll es um wissenschaftliche Organisationen gehen, wie sie arbeiten und funktionieren. Wie so häufig, zeigt sich das vor allem dann, wenn etwas schief läuft. Wie geht beispielsweise die Max-Planck Gesellschaft damit um, wenn ein Direktor in dem Verdacht steht, ein Plagiator zu sein? 

Am Anfang war das Plagiat. Und das Plagiat interessierte eigentlich niemanden, sehen wir einmal davon ab, dass die Süddeutsche Zeitung darüber berichtete. Der Verdacht: Professor Dr. Dr. Keck, Leiter der Klinik des Max-Planck Instituts für Psychiatrie in München, habe weite Teile seiner Habilitation mit dem Copy-Paste-Verfahren angefertigt. Vorlage waren die Dissertationen von Doktoranden. Die MPG reagiert mit einer Anzeige gegen Unbekannt und Keck lässt mitteilen, dass alles geprüft werde. Das war im Mai 2016.

Tatsächlich gibt es, zumindest theoretisch, ein recht ausgereiftes System, das den Anschein erweckt, man könne sich vertrauensvoll an jemanden wenden, wenn … Es gibt Ombudspersonen, Mechanismen, Prozesse, Informantenschutz. Und es gibt die Realität: Das ist alles nur die freundliche Fassade einer ansonsten vollkommen unfreundlichen Organisation. Wer vor hat, die MPG auf Misstände aufmerksam zu machen, sollte sich auf Prozesse einstellen, Diffamierungen und auf einen neuen Job, zumindest falls er an einem MPI arbeitet. Wir empfehlen: Anonymität.

Das Spiel geht ungefähr so: Anonymen Verdächtigungen gehen wir nicht nach. Oder: Darüber geben wir keine Auskunft. Ungefähr so endete die Kommunikation mit Professor Ansgar Ohly, Rechtsprofessor der Ludwig-Maximilian Universität in München. Herr Ohly leitete die Kommission, die sich mit dem Vorwurf beschäftigt hat, ob die Habilitationsschrift von Professor Keck gegen die gute wissenschaftliche Praxis verstößt. Etwas einfacher: Ist Keck ein Plagiator? Um es vorweg zu nehmen: Das Verfahren wurde Dezember 2017 eingestellt (siehe dazu auch SZ, Tagesspiegel und jmwiarda). Angesichts des Ausmaßes der Textdoppelungen – man wähnte eine Collage vor sich – war das sicherlich überraschend.

Professor Ohly macht wissenschaftliches Fehlverhalten von persönlichen Umständen abhängig

Überraschend war vor allem die Begründung des Vorsitzenden Ohly, das Verfahren einzustellen. Man wollte erstens „kein bewusstes oder grob fahrlässiges Verhalten“ erkennen und führte zweitens persönliche Umstände Kecks an, die zu würdigen seien. Weil das doch sehr dünn ist, haben wir nachgefragt. Und zwar in etwa so: Herr Professor Ohly, ist es nicht üblich, den Informanten über die Gründe der Entscheidung zu informieren?

Ohly: „Tatsächlich habe ich darüber nachgedacht, Sie unmittelbar nach der Entscheidung des Untersuchungsausschusses zu informieren. Ich habe mich aber (…) dagegen entschieden, weil Sie Ihre Anzeige anonym abgegeben haben und weil ich bei der E-Mail-Adresse (…) nicht sicher sein kann, dass es sich um eine individuelle Adresse und nicht um einen größeren Verteiler handelt. Eine individuelle Kontaktmöglichkeit ist aber aus Gründen des Daten- und Persönlichkeitsschutzes aus meiner Sicht zwingende Voraussetzung der nach § 10 II unserer Richtlinien bestehenden Informationspflicht. Deswegen werde ich auch in Zukunft unter ähnlichen Umständen anonyme Informanten nicht über die Entscheidungen des Ausschusses informieren.“

Das kann doch nicht sein, haben wir reagiert, wie kann es überhaupt angesichts der Systematik sein, die eher an Vorsatz denn an Fahrlässigkeit erinnert, dass …

Ohly: „Während sich textliche Übereinstimmungen und das Fehlen von Zitaten recht einfach und eindeutig feststellen lassen, ist grobe Fahrlässigkeit immer eine Frage des Einzelfalls. Diese Details gehören aus meiner Sicht nicht an die Öffentlichkeit, zumal wir das wissenschaftliche Fehlverhalten nicht festgestellt haben und ich gerade deswegen auch das Persönlichkeitsrecht von Prof. Keck berücksichtigen muss. Ich werde Ihnen die genauen Einzelheiten daher nicht mitteilen, weil ich bei allem, was ich Ihnen schreibe, damit rechnen muss, dass es an die Öffentlichkeit gelangt. Daher wird diese E-Mail meine letzte Äußerung Ihnen gegenüber zu unserer Entscheidung vom 4.12. sein.

Wie Prof. Keck die Öffentlichkeit über die Entscheidung informiert, habe ich bzw. haben wir nicht in der Hand. Dass die Zitierweise nicht den Regeln der guten wissenschaftlichen Praxis entsprach, erfährt jeder, der sich über den Fall informiert, von uns oder aus der Presse, z.B. aus dem SZ-Artikel vom 12.12.2017. Zugleich differenzieren unsere Richtlinien – wie gesagt – zwischen dem objektiven Verstoß gegen die Regeln der guten Praxis einerseits und dem Vorwurf des wissenschaftlichen Fehlverhaltens andererseits, der Vorsatz oder grobe Fahrlässigkeit voraussetzt und den der Ausschuss nicht als begründet angesehen hat.“

Ohly bringt Persönlichkeitsrechte in Stellung, um dem öffentlichen Interesse die Luft ab zu schnüren. Und nebenbei erfindet er eine Argumentationsfigur, wissenschaftliches Arbeiten im Sinne der Empfindsamkeit neu zu definieren: Die Frage nämlich, ob wissenschaftliches Fehlverhalten vorliegt, wird in Zukunft zur Auslegung der persönlichen Umstände des Verfassers. Ausführlicher wird das in diesem Beitrag diskutiert.

MPG prüft im Windschatten der LMU

Was hat eigentlich die ganze Zeit die MPG gemacht? Sie hat sich versteckt. Sie hat sich 1 Jahr und 7 Monate hinter der LMU versteckt und bei Anfragen immer wieder darauf verwiesen, dass doch die LMU prüfe. Nun, das ist nicht ganz richtig. Die MPG musste zumindest so tun, als habe sie im Mai 2017, also ein Jahr nach Bekannt-Werden der Plagiatsvorwürfe gegen Keck, ein eigenes Prüfverfahren eingeleitet. Warum? Eine weitere Dissertation war aufgetaucht, aus der Keck sich ebenso unbefangen bedient hatte, allerdings nicht nur für seine Habilitation. Die Daten wurden nämlich auch für eine Publikation verwendet, ohne dass der Doktorand als Autor auftauchte oder sonst wie erwähnt wurde. Ein klarer Verstoß gegen die „Regeln für die Veröffentlichung von Ergebnissen“, zumindest wenn man die „Regeln zur Sicherung der wissenschaftlichen Praxis“ ernst nimmt. Und die MPG nimmt das sehr ernst. Den eben dort heißt es:

„Wissenschaftliche Redlichkeit und die Beachtung der Grundsätze guter wissenschaftlicher Praxis sind unverzichtbare Voraussetzungen allen wissenschaftlichen Arbeitens, das Erkenntnisgewinn anstrebt und von der Öffentlichkeit respektiert werden soll. (…) Auch wenn Unredlichkeit in der Wissenschaft durch Regelwerke nicht vollständig verhindert werden kann, so können entsprechende Vorkehrungen doch gewährleisten, dass allen am Forschungsgeschehen Beteiligten die Normen guter wissenschaftlicher Praxis regelmäßig bewusst gemacht werden. Damit wird ein wesentlicher Beitrag dazu geleistet, wissenschaftliches Fehlverhalten zu begrenzen. (…) Die Frage der Autorennennung ist nicht lediglich ein wissenschaftsethisches, sondern in gleicher Weise auch urheberrechtliches Problem. Die Vorgaben des Urheberrechts sind allgemein verbindlich …“ Undsoweiter.

Machen wir eine lange Geschichte kurz. Die MPG gab auf Nachfragen an, den Fall zu untersuchen. Und dann war zufällig die Untersuchung gerade abgeschlossen, als die LMU das Verfahren gegen Keck einstellte, so dass man mitteilen konnte: „Auch“ kein wissenschaftliches Fehlverhalten. Keine nähere Begründung. Die Diskrepanz zwischen ausgestelltem Anspruch und verwalteter Realität, zwischen Theorie und Praxis, könnte kaum größer sein.

Nun mag ein derartiger Vorfall für sich genommen zu banal sein, um eine Institution wie die MPG in eine Krise zu stürzen. Um die Dysfunktionalität zu besichtigen, ist das Ereignis jedoch allemal ausreichend und lässt einen (die Institution) prägenden Charakter erkennen, der durch mangelndes Korrekturvermögen, überzogen autoritäres Auftreten und arrogante Selbstbezüglichkeit gekennzeichnet ist. So produziert die MPG unter hohem Konformitätsdruck vorhersehbar unangemessene Reaktionen, die in einer formelhaften Sprache die analytischen Defizite des Apparats offen ausstellen. Wir werden das angesichts anderer Herausforderungen und der damit einher gehenden Problembehandlungen wiederholt sehen.

Was nun?

LMU und MPG setzen darauf, die Causa Keck im Sinne der Verantwortungsdiffusion zu erledigen. Da die Öffentlichkeit in dieser Hinsicht nicht als sonderlich interessiert und als moblilisierungsschwach, könnte die Rechnung aufgehen. Doch vielleicht ist dem gar nicht so. Vielleicht besteht doch tatsächlich ein Interesse daran, Forschungsinstitutionen zu unterhalten, die wissenschaftliches Arbeiten Ernst nehmen und nicht nur als Fassade pflegen. Es geht hier nicht um Kleinigkeiten eines innerakademischen Konflikts. Es geht um die Arbeitsweise und Glaubwürdigkeit unserer akademischen Institutionen. Erwähnenswert mag auch sein, dass die MPG 2017 fast 2 Milliarden Euro aus Steuermitteln erhielt. Und die LMU ist als Exzellenzuniversität (!) ebenfalls stolzer Empfänger staatlicher Zuwendungen.

Die Causa Keck ist längst zur Causa MPG-LMU geworden. Es ist eine Angelegenheit, die alle angeht, weil sie Ausdruck der Krise des Wissenschaftsbetriebs ist. Wir hoffen, dazu beizutragen, diese Krise öffentlich zu machen.

M. Plankton

 

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2 Kommentare zu „Am Anfang war das Plagiat

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