Wissenschaft, Interessen und Ökonomie: Darüber spricht man nicht.

Es gibt Menschen, die halten große Stücke auf die Wissenschaft, weil eben dort, so meinen sie,Mächte am Werk seien, die eine bessere Welt ermöglichen und zwar nicht alleine wegen großartiger Erfindungen, die uns das Weltall erkunden oder Krankheiten heilen lassen, sondern weil der Wissenschaft besondere Prinzipien inne wohnen, Transparenz oder dieKraft des besseren Arguments beispielsweise. Nennen wir das der Einfachheit halber die idealistische Perspektive, weil wir wissen, dass Institutionalisierung von was auch immer zwangsläufig zu Reibungsverlusten führt. Doch wie groß dürfen diese sein, um das eigentliche Anliegen, nämlich in dem Fall „gute Wissenschaft“, nicht zu beschädigen? Die Ludwig-Maximilian Universität in München ist eine Wette eingegangen und die lautet: Sehr groß.

Über die Causa Keck wurde vielerorts in den Medien berichtet. Eine kurze Zusammenfassung: Eine Prüfkommission der Ludwig-Maximilian Universität (LMU) unter der Leitung des Juristen Professor Ohly stellte im Dezember 2017 das Verfahren gegen den Klinikleiter des Max-Planck Instituts (MPI) für Psychiatrie Professor Dr. Dr. Keck ein, dem vorgeworfen wurde, dass seine Habilitationsschrift gegen die Prinzipien der „guten wissenschaftlichen Praxis“ verstößt. Die Begründung: Kecks „Zitierpraxis“ ist zwar unorthodox;er kann jedoch persönlichen Umstände anführen, durch diealles nicht so schlimm ist. Die verständlicherweise darauf einsetzenden Nachfragen an Herrn Ohly, was darunter zu verstehen sei, wurden nicht beantwortet. Ohly beruft sich auf „Persönlichkeitsrechte“ und hat beschlossen, weitere Nachfragen zu beschweigen, wie aus den  Kommentaren des Artikels von Hermann Horstkotte hervor geht; die Kommentare sind übrigens nicht nur deswegen lesenswert!

Max-Planck Gesellschaft und Ludwig-Maximilian Universität mauern

Den Maßstab eines minimal idealistischen Wissenschaftsverständnisses vorausgesetzt, kann mittlerweile nicht mehr von einem leichten Betriebsunfall gesprochen werden. Eine derart offensichtliche Verschleierung der Prozesse der Entscheidungsfindung zwingt selbst leichtgläubige Idioten zum Nachdenken. Welchen Grad an Unabhängigkeit darf oder sollte man eigentlich erwarten, wenn ein Universitätsgremium über die Habilitation eines Angestellten der MPG entscheidet? Wie ist es denn um das Mischungsverhältnis von Gedankenlosigkeit, Ungeschick und Absicht bestellt, wenn der Kommissionsleiter Ohly und sein Stellvertreter Lüst der MPG eng verbunden sind, der eine als ehemaliger Mitarbeiter des MPI für Patent- Urheber- und Wettbewerbsrecht, der andere als Direktor des MPI für Physik? Gibt es relevante ökonomische Abhängigkeiten? Das war eine rhetorische Frage. MPIs sind aufgrund ihrer finanziellen Ausstattung nämlich sehr attraktive Kooperationspartner. Anders als Universitätsinstitute sind sie nicht oder zumindest in einem weitaus geringeren Ausmaß darauf angewiesen, sich über Drittmittel zu finanzieren. Das schließt das mühsame Schreiben von Anträge ein, das mühsame Durchlaufen eines Bewerbungsprozesse und das mühsame Rechtfertigen der verwendeten Gelder. Kurz und gut, es ist nicht sonderlich verwegen, sich Szenarien auszumalen, in denen es günstig erscheint, sich die MPG gewogen zu halten, sei es durch vorauseilenden Gehorsam oder freundliches Entgegenkommen, je nachdem.

Erhellend in diesem Kontext ist der Fall Schavan und zwar wegen des wohl dokumentierten Versuchs, die Entscheidungsfindung der Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf – dort war die ehemalige Ministerin promoviert worden – zu beeinflussen. Nebenbei sei bemerkt, dass sich Kecks Arbeit zu Schavans in der Offensichtlichkeit des Willens zum Plagiat ähnlich verhält wie Planierraupe zu Raupe. Doch darum soll es nicht gehen. Es geht um eine „Wissenschaftsbetriebsstörung“, um Einflussnahme akademischer Netzwerke und die dahinter stehenden Interessen.

Wissenschaftspolitik versus Wissenschaft

Der kursierende Abschlussbericht von Professor Bleckmann, Heinrich-Heine Universität, Düsseldorf, kann durch die Bemühungen einiger Protagonisten des Wissenschaftsbetriebs, auf das Verfahren einzuwirken oder wenigstens so etwas wie Deutungshoheit zu erlangen, auch als phantastische Komödie gelesen werden. War aber gar keine Komödie. Der durchgehende Tenor: Die Prüfung des Plagiatverdachts durch die Düsseldorfer Universität verletze die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft. Folglich überbieten sich Professoren unterschiedlicher Provenienz in Vorschlägen, wie Schavans Dissertation zu retten sei. So erscheint in der FAZ ein als Artikel getarntes Gutachten. Andere propagieren die Figur einer „geltungserhaltenden Reduktion“, die darin bestehen soll, dass zu prüfen sei, ob nach Abzug der zu bemängelnden Passagen nicht ein „promotionswürdiger Rest“ bleibe. Bleckmann entgegnet: „Das Plagiat ist eben eine Störung des wissenschaftlichen Diskurses, für den eine Vertrauensbasis unerlässlich ist. Wenn ein zur Zeit in Untersuchungshaft sitzender Art Consultant, um ein stadtbekanntes Düsseldorfer Beispiel zu erwähnen, wirklich Originalrechnungen manipuliert hat, findet auch keine geltungserhaltende Reduktion in dem Sinne statt, dass bei ihm ja immerhin gewiss insgesamt überwiegend ordnungsgemäße Rechnungen zu finden seien.“

Aus der Akademie der Wissenschaften Hamburg wird ein historischer Lösungsansatz angeregt: „Zwischen 1933 und 1945 sind in Deutschland, zwischen 1938 und 1945 auch in Österreich tausende ‚geisteswissenschaftliche‘ Dissertationen entstanden, für die man sich heute schämen muss. Ihren Verfassern ist der Doktortitel regelhaft nicht aberkannt worden. Ich glaube, zu Recht. Der historische Mangel ihrer Leistungen ist nicht ungeschehen zu machen und einseitig aufzuheben dort, wo die Institution Universität versagt hat wie alle anderen Zeitgenossen auch – und kein Spätgeborener soll leichtzüngig darüber reden.“

Es wurde gar behauptet, „es bestehe ein ganz erheblicher Forschungsbedarf, ehe man über die Dissertation der ehemaligen Ministerin überhaupt etwas sagen könne“, schreibt Bleckmann. „Um diese von der Düsseldorfer Fakultät vernachlässigte Grundlagenforschung nachzuholen, wurde dann noch im Februar 2013 die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft ‚Zitat und Paraphrase aus der Taufe gehoben, auf Initiative von Akteuren aus dem Cusanuswerk und der Berlin-Brandenburgischen Akademie, die sich bereits während oder auch nach dem Verfahren deutlich und öffentlich gegen Düsseldorf positioniert hatten.“

Von besonderem Interesse ist jedoch ein Brief des damaligen MPG-Präsidenten Peter Gruß, den „der Umgang mit den Plagiatsvorwürfen (…) und die damit verbundene öffentliche Diskussion (…)  mit großer Sorge“ erfüllen. Weiter heißt es: „Es ist zu befürchten, dass in diesem Verfahren zum Schluss alle zu den Verlierern gehören – insbesondere die Wissenschaft! (…) Die Universität sollte daher alles tun, um jetzt im weiteren Vorgehen ein Höchstmaß an Glaubwürdigkeit erlangen.“ Eine Lösungsmöglichkeit andeutend, wie sich alle Gesichts wahrend aus der Affäre ziehen können, weist er darauf hin, dass „das Verfahren (…) auch außerhalb Deutschlands mit großem Interesse verfolgt“ werde.

Gibt es einen ähnlichen Brief des amtierenden MPG-Präsidenten Stratmann an die Ohly-Kommission in der Causa Keck? Gab es Absprachen, informelle Gespräche, höfliche Emails?

Das OhlyMPIsche Komitee ist niemandem Rechenschaft schuldig

Noch einmal: Die Ohlykommission stützt ihre Entscheidung auf die besondere Lebensumstände, in denen sich Keck befunden haben soll. Welche mögen das gewesen sein? Hat Keck zwischen der aufopferungsvollen Pflege von Familienangehörigen und geheimdienstlichen Aufgaben (Afghanistan, Iran und Kongo) einfach ein bisschen die Übersicht verloren? Wir wissen es nicht. Allgemein bekannt war in Kreisen der MPG und der LMU allerdings seit Sommer 2016, dass es gute Gründe gab, an Kecks Glaubwürdigkeit zu zweifeln. So wiesen seine diversen Lebensläufe Ungenauigkeiten auf, die über das übliche Frisieren des curriculi vitae hinaus gehen. Beispielsweise führte er bis Mai 2016 ungeniert den Titel eines „Dr. rer. nat“, fälschlicherweise – ein potentieller Straftatbestand übrigens. Zwei angeblich an ihn verliehene Wissenschaftspreise der Arbeitsgemeinschaft für Neuropsychopharmakologie und Pharmakopsychiatrie (AGNP) waren erfunden. Ebenso existierte eine von ihm geleitete Arbeitsgruppe am Zentrum für Neurowissenschaften Zürich (ZNZ) nur in seinem Lebenslauf.

Die Ohlykommission macht es wie die MPG. Sie schweigt. Keine Spuren hinterlassen. Kein Bericht an den Senat der LMU. Darüber redet man nicht.

Eine Stellungnahme der Medizinischen Fakultät der LMU steht aus

Die Causa Schavan hat die Öffentlichkeit damals bewegt, weil sie Ministerin war. Ein ernsthaftes Interesse an Hochschulpolitik oder gar den Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens dürfte in einem eher geringen Ausmaß für das mediale Engagement verantwortlich gewesen sein. Nicht zuletzt sind Journalisten rar, die Zeit, Lust und die Kompetenz haben, in diese und damit assoziierte Themengebiete einzusteigen. Schade eigentlich. Denn die Ausführungen von Professor Bleckmann lassen erahnen, dass es um etwas geht, das wache Aufmerksamkeit verdient. Es geht nämlich darum, dass die Freiräume, auf die Wissenschaft angeblich ein Anrecht hat, weil sie sich dort am besten entfalten kann, nicht nur in Halb- oder Volldiktaturen skeptisch gesehen oder beschnitten werden, sondern auch in Deutschland natürliche Feinde besitzen; dass diese Teil des arrivierten Wissenschaftsbetriebs sind, ist Bestandteil der Pointe.

Das Schweigen der Medizinischen Fakultät der LMU in der Causa Keck einfach als Ausweis der Gleichgültigkeit zu sehen, fällt von Tag zu Tag schwerer. Während der Fakultätsrat der Heinrich-Heine Universität Düsseldorf seine Verantwortung wahrgenommen und Stellung bezogen hat, steht eine Positionierung des Fakultätsrats der Humanmedizin noch aus. Sich hinter etwaigen Verwaltungsprozeduren zu verstecken und auf die Macht der Verantwortungsdiffusion zu vertrauen, ist einfach nicht ausreichend, erst Recht nicht für Professorinnen und Professoren einer Universität, die sich als Elite-Universität begreift. Eine Elite, die kein Interesse an gesellschaftlichen Zusammenhängen hat und zwar noch nicht einmal an denen, die sie als Elite überhaupt erst konstituiert, ist keine Elite, sondern eine Ansammlung von leitenden Fachangestellten, die ihre jeweilige Verantwortung kleinteilig an Etatgrenzen und Raumverteilungspläne ausrichten.

Schöne neue Exzellenz

Die Causa Keck ist Vergangenheit. Längst haben wir eine Causa MPG und eine Causa LMU, vielleicht auch eine Causa MPGLMU, ein möglicher Kristallisationspunkt einer Causa Exzellenz. Die Heinrich-Heine Universität in Düsseldorf ist übrigens keine Exzellenzuniversität. Ist sie dadurch unabhängiger?

Kecks MPI für Psychiatrie ist Teil der Graduate School of Systemic Neuroscience, „supported by the German Excellence Initiative“. Und vom Hofgarten, Sitz der Generalverwaltung der MPG, bis nach Düsseldorf sind es über 600 km, während die LMU einen Spaziergang weit entfernt ist.

Die Vorstellung, die geschilderten Umstände bilden einen beschämenden Evidenzzusammenhang, könnte bei einer hypothetischen Verteidigung vor einem (vielleicht gar nicht so hypothetischen) Gericht natürlich problemlos bestritten werden. Man könnte das Ganze gar als Kampagne bezeichnen. Die nichtjuristische Meinungsbildung wird diese Vorstellung jedoch für durchaus möglich erachten. Oder etwa nicht?

P. Plankton

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2 Kommentare zu „Wissenschaft, Interessen und Ökonomie: Darüber spricht man nicht.

  1. Es ist doch merkwürdig, wie breit das Beurteilungsspektrum in dieser Angelegenheit offensichtlich ist. Professor Dannemann von der HU Berlin äußert sich gegenüber dem BR ja recht eindeutig. Er spricht gar von „vorsätzlicher Täuschung“.

    „Alle Kriterien, nach denen die ständige Rechtsprechung der Verwaltungsgerichte von einer vorsätzlichen Täuschung ausgeht, sind nach den mir bekannten Tatsachen hier klar erfüllt.“

    Professor Gerhard Dannemann

    https://www.br.de/nachrichten/max-planck-institut-ermittlungen-vorwuerfe-100.html

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