Nichts hören, nichts sehen, nichts sagen und nicht handeln – MPG

Am MPI für Astrophysik gibt es offenbar ähnliche Zustände, wie am MPI für Psychiatrie. Dies ist die logische Konsequenz aus dem auf Spiegel Online erschienenen Artikel über Mobbing und sexuelle Belästigung durch eine Direktorin des Instituts. Peinlicherweise hat auch der MPG-Hausverlag in der rennomierten Fachzeitschrift „nature“ sich dieses Themas angenommen. Dennoch verhält sich die MPG wie die berühmten drei Affen und denkt, mit einem Coaching der Direktorin und der Einschaltung einer nicht näher genannten Anwaltskanzlei sei alles erledigt.

Die drei Affen, so ist auf Wikipedia zu lesen, „haben ihren Ursprung in einem japanischen Sprichwort und stehen dort für den Umgang mit Schlechtem. […] Während die drei Affen in Japan eigentlich die Bedeutung ‚über Schlechtes weise hinwegsehen‘ haben, werden sie in der westlichen Welt eher als ‚alles Schlechte nicht wahrhaben wollen‘ interpretiert. Aufgrund dieses negativen Bedeutungswandels gelten die drei Affen daher häufig als Beispiel für mangelnde Zivilcourage oder bedingungslose Loyalität.“ Das daraus abgeleitete Sprichwort „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ verwenden wir überwiegend bei gelebter Ignoranz, dem bewussten Wegsehen.

Wiederholt wird aus diversen Max-Planck-Instituten  von schlechter Mitarbeiterführung, Mobbing und sexueller Belästigung durch Direktoren berichtet.  Wir haben darüber berichtet, dass der Leiter der Klinik des MPI für Psychiatrie bisher damit durchgekommen ist, dass seine Habilitation als Plagiat entlarvt worden ist, dass staatsanwaltliche Ermittlungen wegen Abrechnungsbetrugs gegen ihn eingeleitet worden sind, dass er für ein „extrem schlechtes Betriebsklima“ verantwortlich ist und dass er seine Lebensläufe ordentlich frisiert hat. Trotz dieser öffentlichen Berichterstattung ist seitens der MPG nichts geschehen. Offensichtlich wird bei Max-Planck-Direktoren ein anderer moralischer Maßstab angelegt. Sie dürfen sich alles erlauben. Ja, selbst beim Offensichtlichen, wird bewusst den drei Affen gleichgetan. Das niedere Fußvolk hingegen muss bei der MPG auf der Hut sein. Bei Bedarf wird die kleinste Verfehlung drakonisch verfolgt und bestraft.

Die Generalverwaltung der MPG scheint stets die Strategie des „nichts hören, nichts sehen, nichts sagen“ zu verfolgen, wenn Direktorinnen oder Direktoren unter dem begründeten Verdacht stehen, sich substantielle Verfehlungen geleistet zu haben. Man stellt sich dumm und will von Allem nichts gewusst haben. Oder man findet einen Grund, weshalb ein härteres Durchgreifen nicht notwendig ist. Mal sind es die bösen Mitarbeiter, die dem lieben Direktor an den Kragen möchten und daher wartet man ab, was eine ins Nichts gehende Prüfung der Vorfälle ergibt. Ein anderes Mal, wird der Direktor einem Coaching unterzogen und deshalb ist alles wieder gut. Und nun, wo der öffentliche Druck dank guter Pressearbeit zunimmt wird in einer Presseerklärung eine nicht überprüfbare Umfrage präsentiert, bei der angeblich 84% der Mitarbeiter zufrieden sind. Klingt ziemlich hilflos, oder?

Dieser MPG-Pressemeldung zufolge „existieren eine ganze Reihe von vertraulichen und zentralen Anlaufstellen, wie der örtliche Betriebsrat, die Gleichstellungsbeauftragten an den Instituten und in der Generalverwaltung, der Compliance-Beauftragte sowie die Ombudspersonen.“ Weiter heißt es im Text der Pressemeldung: „Jede Form von Mobbing oder sexueller Belästigung widerspricht den Grundsätzen der Max-Planck-Gesellschaft. Die Max-Planck-Gesellschaft nimmt die Vorwürfe ernst.“ Genau das ist aber das Problem, die Mitarbeiter gewinnen den Eindruck, dass diesen Vorwürfen nur beim Fußvolk nachgegangen wird, denn: Direktoren machen sowas nicht, das sind doch die Guten.

In seinem, in der SZ vom 14.07.2018 erschienen, Artikel „In der Wissenschaft fühlt sich mancher Professor wie Gott“ schreibt Ressortleiter Patrick Illinger völlig zurecht: „Bei Mobbing und sexuellen Übergriffen geht es weder um Prozentzahlen noch um Mehrheiten, sondern um jeden einzelnen Fall.“ Weiter stellt er fest, dass „die Schaffung von Ombudsgremien, denen jüngere Wissenschaftler vorbehaltlos (!) trauen können“ ein Schritt in die richtige Richtung wäre. Ja, das wäre ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung, in die Richtung: „hören, sehen, sagen“. Doch aus unserer Sicht geht das nicht weit genug, denn es sind, insbesondere am MPI für Psychiatrie, in dessen Kuratorium Illinger übrigens sitzt, nicht nur jüngere Wissenschaflter von Mobbing betroffen, sondern alle Berufsgruppen, sofern die betroffene Person eine eigene Meinung, oder zuviel Einfluss in der Belegschaft hat. All dies ist dem MPG Präsidenten und seinem Generalsekretär hinlänglich bekannt, weshalb wir Illingers Meinung bezüglich des offensiven Vorgehens des Präsidenten gegen Mobbing und Sexismus nicht teilen können.

Als weiteres Schmanckerl präsentieren die Strategen der Hofnarrenstraße in der Pressemitteilung eine Anwaltskanzlei, die höchst vertraulich Mobbing Vorwürfe entgegennimmt, so dass die MPG die Namen der Hinweisgebenden Person nicht erfährt. Klingt schon Merkwürdig, wenn einer der besten Arbeitgeber des Landes, derartige Prozesse nicht selbst bewältigen kann und stattdessen Hilfe von Außen benötigt. Prozesse, für die es jeweils dezidierte Ansprechpartner gibt und für die mit Sicherheit Ablaufpläne existieren. Hat die MPG-Führung selbst kein Vertrauen in die eigene Organisation? Doch dem aufmerksamen Leser fallen im Nu ein, zwei Dinge auf. Erstens, um welche Kanzlei handelt es sich? Diese wird hier nicht genannt; vermutlich muss man die dann auch noch im Direktorat – ganz anonym versteht sich – erfragen. Zweitens wissen wir vom VW-Dieselskandal, dass das mit Anwaltskanzleien so eine Sache ist. Mandanten-Unterlagen, die sich in einer Kanzlei befinden, können nicht so mir nichts dir nichts von Ermittlungsbehörden beschlagnahmt werden. So betrachtet, dient das Schmankerl vermutlich dem Schutz der Delinquenten. Na Bravo!

MPG Präsident Stratmann lässt sich zu den Vorfällen vergangene Woche in der FAZ mit „Ich denke, dass wir eine saubere Verantwortungsstruktur haben“ zitieren. Was immer man unter „sauberer Verantwortungsstruktur“ verstehen mag, die Konsequenzen, die man daraus zieht, sind das, worauf es ankommt. Die Damen und Herren Grundlagenforscher der MPG sollten bei derartigen Vorfällen sich nicht allein auf das Zitat ihres Gründungsheiligen Max Planck berufen: „Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen.“ Frei nach dem Motto, das Anwenden überlassen wir anderen. Die MPG muss vielmehr darauf achten, wie die Außenwirkung der MPG in der Gesellschaft ist, um sicherzustellen, das diese weiterhin bereit ist die MPG mit dem notwendigen Budget auszustatten. Auf Dauer wird die MPG nach dem Bibelzitat “Nicht an ihren Worten, sondern ihren Taten sollt ihr sie erkennen” bewertet werden. Das bedeutet: Weg von den drei Affen, hin zu einem „hören, sehen, sagen“ und – ergänzend – „handeln“.

Da jedoch seitens der MPG keine Hilfe zu erwarten ist, kann man als Betroffener z.B. einen Arbeitsrechtsprozess anstreben – keine Angst Arbeitsrechtsprozesse sind nicht teuer. Bei Straftaten sollte man die Ermittlungsbehörden informieren. Auch der Gang in die Öffentlichkeit ist, wie wir gerade erfahren, ein probates Mittel. Ebenso können anonyme Anfragen und Hinweise an diesen Blog geschrieben werden, die wir gegebenenfalls veröffentlichen werden. Hier die Vorgehensweise: Werde MPG-Whistleblower

Auf keinen Fall sollte man sich einschüchtern und vertrösten lassen. Wer eine Straftat begeht, gehört bestraft, unabhängig von Position, Stand, Geschlecht, Religion, Hautfarbe, Nationalität, etc. Wer das Arbeitsrecht mit Füssen tritt, darf sich über eine öffentliche Entrüstung nicht wundern. Demokratie – und die Gewaltenteilung mit einer gut funktionierenden Judikative gehören dazu – lebt vom Engagement des Einzelnen. Und wer selbst zum Opfer wurde, auch wenn er Scham darüber empfindet, kann dazu beitragen, dies zu ändern. Der erste Schritt: Die eigene Scham überwinden, darüber sprechen und dadurch verhindern, dass die Täter immer weiter machen. Denn wenn wir alle keine Courage aufbringen, werden wir zu einer Gesellschaft der drei Affen – nichts hören, nichts sehen, nichts sagen und letztendlich nicht handeln.

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