Scharlatanerie und Öffentlichkeitsarbeit: Wie die Max-Planck-Gesellschaft ihren Status der Gemeinnützigkeit riskiert und alles tut, dass es keiner merkt

Am 01.08.2017 wurde im Tagesspiegel der Arbeitsvertrag des Klinikleiters des Max-Planck Instituts (MPI) für Psychiatrie, Professor Keck, thematisiert. „Geldwerter Vorteil“ lautete der Titel. Beschrieben wurde, wie die privatwirtschaftlichen Risiken des Chefarztes durch die Max-Planck-Gesellschaft (MPG) abgesichert werden. Die MPG reagierte auf die Berichterstattung gewohnt aggressiv, erstritt am 07.09.2017 eine einstweilige Verfügung und stoppte die Verbreitung des Artikels. Aufgrund des Widerspruchs des Tagesspiegels kam es im März 2018 zu einer mündlichen Verhandlung, die mit einer Niederlage des Presseorgans endete. Steitgegenständlich war beispielsweise die Formulierung, dass „die von der Max-Planck-Gesellschaft mit Herrn Prof. Keck vereinbarte Gehaltsgarantie (…) den Straftatbestand der Untreue erfüllen (könne)“. Mit Gehaltsgarantie ist gemeint: Bei einem Rückgang der Erlöse, die Keck aus der Behandlung Privatversicherter erzielt, springt die MPG verlustmindernd ein. Anders ausgedrückt, es ging um die Absicherung Kecks privatwirtschaftlicher Ambitionen durch den Einsatz von Steuergeldern. Die MPG wird nämlich mit etwa 2 Milliarden jährlich durch die öffentliche Hand finanziert. Es ging also um etwas Grundsätzliches, nämlich um das Selbstverständnis der „Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.“ und die Frage: Welche privatwirtschaftlichen Interessen darf Deutschlands Wissenschaftsorganisation verfolgen?

Gut möglich, dass diese Frage in der MPG bald für schlaflose Nächte sorgt. Die finanziellen Transferleistungen gehen nämlich weit über das hinaus, was im Tagesspiegel berichtet worden ist. So steht der Verdacht im Raum, dass systematisch Gelder in den Krankenhausbetrieb verschoben worden sind, und zwar vorwiegend in den privatwirtschaftlich genutzten. Doch da das Leben stets vorwärts gelebt und rückwärts verstanden wird, mag sich der präzise Zeitpunkt, an dem Ahnen zu Wissen wird, womöglich auch am Münchener Hofgarten – dort residiert die Generalverwaltung – einer gewissen Unschärfe entziehen. Aus diesem Grund eine Chronologie der Ereignisse, eine Chronologie des Wegschauens oder Täuschens, eine Chronologie moderner Öffentlichkeitsarbeit …

Die MPG gefährdet Status der Gemeinnützigkeit.

Keck wurde auf Betreiben des damaligen MPG-Präsidenten Gruß ab Juli 2014 mit der Leitung des Krankenhauses am Münchener MPI für Psychiatrie betraut und mit einem Vertrag ausgestattet, der ihm, gemessen an dem, was ansonsten üblich ist, doch sehr umfangreiche Rechte einräumt, privat zu liquidieren. Das einfach nur als ungewöhnlich zu bezeichnen, greift jedoch zu kurz. Hier wird nicht einfach nur gegen den Trend der Zeit verstoßen, der weitaus deutlicher die Interessen der Krankenhausträger betont. So geht aus Unterlagen, die uns vorliegen, hervor, dass spätestens seit Sommer 2016 innerhalb der Generalverwaltung bekannt ist, dass die „steuerrechtliche Gemeinnützigkeit der gesamten MPG“ auf dem Spiel steht, weil „die Erlöse aus ambulanten Leistungen an Privatpatienten in vollem Umfang privat“ vereinnahmt werden. Weiter heißt es: „Die der MPG aus dem Betrieb der Privatambulanz (…) entstehenden Kosten (…) werden jedoch bei weitem nicht aus dem daraus zufließenden Nutzungsentgelt (…) gedeckt.“ Zusatzinformation: Die Höhe des Nutzungsentgelts errechnet sich aus der Höhe der Privatliquidation, bezieht sich also auf die Einnahmen. 25% davon werden hier abgeführt. Üblich sind heutzutage 50 bis 60%, oder die von der Deutschen Krankenhausgesellschaft empfohlene Beteiligungsvergütung, bei der die Krankenhausgesellschaft privat liquidiert und der Chefarzt eine prozentuale Beteiligung daraus erhält. Laufende Kosten und Investitionen in den privatwirtschaftlichen Bereich der Klinik werden durch das Nutzungsentgelt von 25% nicht annähernd gedeckt. Tatsächlich finden diese überhaupt keine Berücksichtigung. So wurden beispielsweise kostspielige Ausgaben für die Privatstation einfach aus dem Institutsetat getätigt.

„Insgesamt ermöglicht die MPG dem KL [Klinikleiter] aus MPG-Zuschuss und Klinikerträgen p.a. 800 T€ in seinen Privatbereich zu überführen bei gleichzeitiger Hinnahme eines von ihm verursachten Klinikdefizits in mind. der gleichen Höhe. Dieses entsteht nicht zuletzt dadurch, dass der KL seinen Privatliquidationsbereich mit Hilfe der MPG-Ressourcen personell und sachlich übermäßig ausstattet.“ Mit anderen Worten: Die der Gemeinnützigkeit verpflichtete MPG finanziert dem Unternehmer Keck also nicht nur eine Infrastruktur für privatwirtschaftliche Interessen, sie nimmt dafür auch ein Defizit in Kauf.

Als der damalige Verwaltungsleiter darauf aufmerksam machte, dass Keck ungehindert und unkontrolliert auf sämtliche Krankenhausressourcen zugreifen konnte, um sie für seine Privatzwecke einzusetzen, wurde er ignoriert. Als er sich an den Compliance-Beauftragten wandte, wurde ihm kurze Zeit später fristlos gekündigt.

Forschungsgelder werden in den Krankenhausbetrieb umgeleitet.

2015 schreibt der Krankenhausbetrieb also erstmals rote Zahlen. Das zunächst sehr deutliche Defizit von etwa 1,5 Millionen € – so steht es im Jahresabschlussbericht – schrumpft in einer späteren „Analyse“ jedoch überraschend auf lediglich 80 Tausend € zusammen. Was war da passiert? Nun, man hat Kosten auf andere Kostenstellen verschoben. Eine vom Klinikleiter unabhängige Verwaltung existierte nämlich nicht mehr. Den erwähnten Verwaltungsleiter hatte man ja im Mai 2016 entsorgt. Keck hatte es geschafft, die Generalverwaltung davon zu überzeugen, dass der erfahrene Verwaltungsleiter für das Finanzchaos verantwortlich sei. Auf die Kostenstellen kommen wir noch zurück.

Nach der Erhöhung der Ausgaben – investiert wurde, wie bereits erwähnt, vorwiegend in den privatwirtschaftlichen Sektor des Krankenhauses – brachen schließlich die Einnahmen 2017 drastisch ein, unter anderem weil aufgrund einer erratischen Personalpolitik schlicht und ergreifend Fachkräfte fehlten, um fristgerecht und kompetent gegenüber den Krankenkassen abrechnen zu können. Während bisher über 3 Millionen Euro pro Quartal erlöst werden konnten, über das Jahr gerechnet 14 bis 15 Millionen Euro, stand 2017 nur ein Bruchteil in den Büchern. In den beiden letzten Quartalen 2017 waren das – ein paar zehntausend Euro. Wir reden hier von Erlösen, abzurechnen mit den gesetzlichen Krankenversicherungen. Zudem mussten wegen Ärzte- und Pflegekräftemangels 2017 und 2018 wiederholt Stationen teilweise geschlossen werden; offiziell hieß es: Baumaßnahmen. Die MPG gleicht diese Defizite natürlich aus. Dazu ist „Germany’s most successful research organization“ – man bevorzugt die amerikanische Schreibweise – als Träger verpflichtet.

Das MPI für Psychiatrie sollte nach der Verabschiedung des langjährigen Direktors Florian Holsboer – er stand dem gesamten Institut vor – eigentlich drei Forschungsabteilungen mit jeweils einem Direktorat unter einem Dach vereinigen. Mit Frau Binder (Translationale Forschung in der Psychiatrie) und Herrn Chen (Stress, Neurobiologie und Neurogenetik) wurden 2013 zwei Positionen besetzt. Die klinische Forschungsabteilung, formal – und das wird gleich wichtig – zumindest als Kostenstelle existent, wartet hingegen noch auf einen Direktor. Keck ist nämlich kein MPG-Direktor, sondern lediglich – Klinikleiter und die von ihm geführte Bezeichnung „Direktor der Klinik“ ist ähnlich bedeutend wie der Titel eines Karnevalsprinzen, wenn man denn nicht wüsste, was Karneval ist. Zugegeben, der Vergleich hinkt gewaltig: Denn, wenn in einer Karnevalshochburg dem Prinzenpaar der Stadtschlüssel überreicht wird, ist allen klar: Das ist gar kein richtiger Schlüssel, und die Kassen der Kommune werden nicht angerührt, und am Aschermittwoch ist alles vorbei. Doch die MPG-Gelder, die Keck in die Klinik umleitet, das ist richtiges Geld – Forschungsgeld – und die MPG schaut zu.

Der ursprüngliche Plan sah ungefähr so aus: Die drei Forschungsabteilungen – zwei besetzte, eine unbesetzte – werden jeweils jährlich mit rund 5 Millionen Euro seitens der MPG finanziert. Und so lange die „dritte Abteilung“ noch vakant ist, spart man einem künftigen Direktor, der ja sicherlich nicht allzu lange auf sich warten lässt, eben ein hübsches Willkommensbudget zusammen. Allerdings existiert das Geld nicht mehr. Keck hat die Kostenstelle der „dritten Abteilung“ nämlich längst angezapft, um Löcher im Klinikbetrieb zu stopfen. Selbstverständlich ist ein derartiger Zugriff ohne die Billigung, ohne das Wissen und ohne die Unterstützung der damaligen geschäftsführenden Direktorin Binder sowie der Generalverwaltung der MPG nicht möglich. Und tatsächlich hat die MPG die finanzielle Vereinnahmung der „dritten Abteilung“ akzeptiert. Irgendwie zumindest. Ein zu berufener dritter Direktor – diesen zu installieren, ist nach wie vor erklärtes Ziel – kann mittlerweile nämlich nicht mehr mit einem eigenen Budget rechnen. Sie oder er möge die Forschung doch aus den Überschüssen des Krankenhausbetriebs finanzieren, heißt es. Sollte sich jemand  finden, der sich mit einer derartigen Konstellation zufrieden gibt? Möglicherweise: Ja. Doch das ist eine andere Geschichte. Nur so viel: Der langjährige Direktor Florian Holsboer wusste das Krankenhaus so zu führen, dass mit Überschüssen Forschungsvorhaben angeschoben wurden. Über Jahre flossen 1 bis 2 Millionen Euro aus dem Krankenhausbetrieb in die Wissenschaft.

Hat sich die MPG der politischen Kontrolle erfolgreich entzogen?

Die Trickserei mit den Kostenstellen – wir haben das als finanzielle Vereinnahmung der „dritten Abteilung“ formuliert – ist übrigens seit Herbst 2016 einer interessierten Öffentlichkeit bekannt, unter anderem auch der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz (GWK). Die GWK ist das politische Kontrollgremium, das sich aus Vertretern des Bundes und der Länder zusammensetzt und der MPG Gelder (aus öffentlichen Haushalten) zuweist. Das hat zu Nachfragen geführt. Und zu Antworten, in denen das Defizit erst einmal klein gerechnet wurde. So ist aktenkundig, dass der Leitende Oberarzt des MPI für Psychiatrie, das Defizit für 2015 „nach erneuter Berechnung (…) nicht 1 Mio. €, sondern lediglich 80.000 bis 100.000 €“ betrage. „Dies habe sich durch eine genaue Analyse bzw. aus der jetzt endlich korrekten Zuordnung der Kosten auf klinische und Forschungsstellen ergeben. Die Generalverwaltung habe das Institut für diese Detailarbeit sehr gelobt“, heißt es in einem Schreiben Kecks an einen Referenten der GWK. Dahinter verbirgt sich nichts anderes als die geschilderte Schubumkehr, einschließlich der Vereinnahmung der Kostenstelle der „dritten Abteilung“. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass Kecks Vertrag nicht durch die GWK gebilligt worden ist, während Direktorenverträge, also richtige Direktorenverträge und nicht die Karnevalsdirektorenverträge, grünes Licht seitens der GWK bedürfen. Es ist also auch zu fragen, ob und inwieweit die Generalverwaltung überhaupt legitimiert war und ist, Keck derart umfangreich finanziell zu stützen. Wurde die GWK durch die Generalverwaltung getäuscht?

Psychotherapie wirkt in jeder Zelle unseres Körpers.

Nun könnte man argumentieren: Ja, das alles ist sinnvoll und lohnenswert, weil Keck die Klinik zu einer Plattform ausbaut, um ganz besondere Forschung zu ermöglichen – auf dem Feld der Psychiatrie, Psychotherapie oder so. Ist das so?

Einmal angenommen, ein Physiker behaupte, unser Planet ruhe auf dem Panzer einer Schildkröte, die wiederum auf dem Rücken eines Elefanten stehe, und nehmen wir weiter an, dieser Physiker leite ein MPI und gebe im öffentlich rechtlichen Fernsehen ein Interview, und es ist klar, dass es sich nicht um einen Scherz oder etwas mit einer erkenntnistheoretischen Pointe handelt, eine Provokation sozusagen aus didaktischen Zwecken, was geschieht dann? Wie reagiert die MPG? Ist es möglich, dass sie darauf gar nicht reagiert? Ist es vorstellbar, dass die MPG, die ansonsten ziemlich empfindlich ist und sehr viel auf Öffentlichkeitsarbeit setzt, gar nichts unternimmt? Ja, das ist möglich.

derdenker

Zugegeben, es geht nicht um Schildkröten. Es geht um Keck, der sein Forschungsprojekt vorstellt. Im Wissenschaftsmagazin Odysso, SWR. Eben dort präsentiert er die „weltweit größte Psychotherapiestudie“ einem interessierten Fernsehpublikum vor. Die biologischen Grundlagen der Psychotherapie. Irgendwie geht es, unter anderem, um Gene. Präziser wird es jedoch nicht. Stattdessen wird man mit Phantastereien abgespeist, mit Schildkröten, die auf Elefanten stehen oder umgekehrt. So könne man beispielsweise die Therapieeffekte von Antidepressiva und Psychotherapie mittels Untersuchungen eindeutig voneinander unterscheiden. Gerne hätte man erfahren, wie das geht. Und dann verkündet Keck, hoch auf dem Rücken eines Elefanten sitzend (oder ist es nur eine Schildkröte?): „Es ist so: Die Psychotherapie wirkt in jeder Zelle unseres Körpers und macht dort Veränderungen.“ Deutschlands Onkologen dürften beeindruckt sein.

Nehmen wir das als Beispiel, wie sich der öffentlich rechtliche „Wissenschaftsjournalismus“ von der MPG einspannen lässt. Weitere lassen sich auf Kecks eigener Internetpräsenz finden. Die sogenannte „Vierte Gewalt“ entpuppt sich als Vollstrecker einer durchsichtigen MPG-Marketing-Strategie, sei es aus Mangel an Kompetenz oder anderen Gründen. Dabei befinden sie sich, leider, in guter Gesellschaft. So hat sich auch das für seinen investigativen Journalismus bekannte Wochenmagazin DER SPIEGEL im Schildkrötengehege verirrt.

MPG billigt öffentliche Bloßstellung durch FAKE-NEWS!!!

Im März 2017 – auf dem Titelblatt eine Synthese aus Trump und Putin – erscheint der Artikel „Grausige Funde“, der eine Nachricht als aktuell thematisiert, die bereits im März 2016 im Münchener Wochenanzeiger, und später in anderen Zeitungen und Zeitschriften, auftauchte. Vordergründig scheint es um eine verfehlte Auseinandersetzung mit der NS-Zeit zu gehen, innerhalb der MPG und am MPI für Psychiatrie. Doch letztlich nutzt Keck – wider besseren Wissens – das Forum für eine Rufmordkampagne, indem er den Leiter des Institutsarchivs als Verantwortlichen dafür hin hängt, dass in der histopathologischen Sammlung des Instituts Präparate auftauchen, die dort eigentlich nicht mehr hätten sein sollen – Gewebepräparate von Opfern des T4-Programms. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall. Der Archivleiter war ein wesentlicher Akteur, der dazu beigetragen hat, Schlampereien und Ungenauigkeiten im Umgang mit Präparaten aus der NS-Zeit aufgedeckt zu haben. Die Süddeusche Zeiung berichtete darüber im April 2017 – anlässlich eines Gutachtens der Medizinhistoriker Robert Jütte und Wolfgang Eckart, das vom MPG-Präsidenten Stratmann in Auftrag gegeben worden war. Das Fazit des Gutachtens: „Deutschlands berühmteste Forschungsorganisation“ hat sich, um es vorsichtig auszudrücken, mit den Herausforderungen nicht angemessen auseinandergesetzt. Vermutlich ist das der Grund, warum der Jütte-Eckart-Bericht bis heute nicht veröffentlicht wurde. Doch das ist eine andere Geschichte.

Die letzten Sätze des SPIEGEL-Beitrags: Zudem wünscht sich Keck eine Gedenktafel am MPI in Schwabing. „Wir haben nach all den Jahren nichts, was an die Opfer erinnert“, sagt er, „nicht einmal in der Größe einer Briefmarke.“

Museum
Tartuffe im Museum des MPI für Psychiatrie. Dort wurde gut sichtbar an die Opfer des T4-Programms erinnert. Das Museum wurde zwischenzeitlich aufgelöst. Die Unternehmensberatung Porsche Consulting bewirbt mit diesem Bild die ca. 300 T€ teure Zusammenarbeit mit dem MPIP. Eine Ausschreibung für den lukrativen Auftrag fand nicht statt. Keck hatte – bereits vor seinem Dienstantritt – eine Vereinbarung getroffen, sich von Porsche Consulting beraten zu lassen. Im Hintergrund ist übrigens der Teil von etwas zu sehen, das größer ist als eine „Briefmarke“.  

Neben stehendes Foto entlarvt Kecks Abschlusskommuniqué als Lüge. Porsche Consulting wirbt damit, dem Foto. Aufgenommen wurde der Schnappschuss, das einen gelassenen Chefarzt zeigt, im Museum des MPIP. Damals nutzte Keck diese Räumlichkeiten gerne als Hintergrund für Fotoinszenierungen. Gut sichtbar wurde dort an die Opfer des T4-Programms erinnert. Mittlerweile gibt es dieses Museum nicht mehr. Doch das ist eine andere Geschichte.

Wir fragen, wie es dazu kommen konnte, dass im SPIEGEL der besagte damalige Archivleiter öffentlich zum Abschuss frei gegeben und dann auch abgeschossen wurde. Und zwar nicht nur mit Billigung der Generalverwaltung, sondern mit deren Unterstützung – trotz der Kenntnis des Gutachtens. Und wenn man sich in Hamburg erkundigt, wie es zu einem derartigen Beitrag mit offensichtlichen Recherchedefiziten und Entstellungen, hat kommen können, stößt man auf betretenes Schweigen – und erfährt, dass die verantwortliche Autorin nicht mehr für das Blatt arbeite.

In einem weiteren Fall hat sich DER SPIEGEL ebenfalls nicht mit Ruhm bekleckert – und zwar im Sinne – nennen wir es: journalistisches Unterlassen. Wie bereits erwähnt, existieren seit Oktober 2016 substantielle Hinweise, dass an dem Münchner Institut Bilanztricksereien an der Tagesordnung waren, die mit dem Status der Gemeinnützigkeit nicht zu vereinbaren sind. Die entsprechenden Dokumente veranlassten damals SPIEGEL-Journalisten, bei der Generalverwaltung nachzufragen, was denn dran sei an dieser Geschichte. Werden tatsächlich öffentliche Gelder für privatwirtschaftliche Interessen abgezweigt? Erstaunlich leicht ließen sich die ansonsten für ihre Hartnäckigkeit berühmten Hamburger abwimmeln. Da sei nichts dran, ließ die MPG verlautbaren. Es laufe eine üble Kampagne gegen Professor Keck.

Mit ähnlichen Worten verstand es auch der Generalsekretär der MPG, die GWK im März 2017 zu beruhigen. Diese sah sich nämlich angesichts der erwähnten Dokumente gezwungen, sich mit den Münchner Geschichten zu beschäftigen. Zur Erinnerung: Im Februar 2017 waren die staatsanwaltlichen Ermittlungen gegen Keck bekannt geworden, zumindest in München. Im Bundesministerium für Bildung und Forschung, sozusagen der Teil des Bundes innerhalb der GWK, wusste man das allerdings gar nicht. Aus Hintergrundgesprächen war zu erfahren, dass der Generalsekretär der MPG verbreiten ließ, dass nicht gegen Keck ermittelt werde, sondern gegen die Initiatoren der Kampagne, die man leider jedoch nicht kenne.

Gehen wir einfach mal davon aus, dass die Staatsanwaltschaft München seit Februar 2017 nicht geschlafen hat und dass die Tatsache, dass noch nicht bekannt ist, wann der Prozess beginnt, den Umständen geschuldet ist. Soll heißen: Vermutlich ist das, was sich am MPI für Psychiatrie mit Billigung der Generalverwaltung der MPG ereignet hat und ereignet, weitaus umfangreicher und komplexer als ein gewöhnlicher Abrechnungsbetrug. Möglicherweise bietet der Prozess dann auch einen Anlass, das System MPG zu durchleuchten und die Ursachen für mangelnde politische Kontrolle zu benennen. Zumindest ergibt sich hier eine Gelegenheit, und zwar für diejenigen unter den Journalisten, die unter Wissenschaftsjournalismus etwas anderes etwas anderes verstehen, als Multiplikator der MPG-Marketing-Strategie zu sein.

Greifen wir das Anfangsmotiv noch einmal auf: Der Arbeitsvertrag zwischen Keck und der „Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften e.V.“ garantiert Keck bei einem Rückgang der Einnahmen aus der Vergütung privat versicherter Patienten Ausgleichszahlungen der MPG. Die Formulierung, dass dies „den Tatbestand der Untreue erfüllen“ könne, war für die MPG Motivation genug, Anwälte zu engagieren, um eine einstweilige Verfügung zu erwirken. Betrachten wir nun noch die erwähnten Presseaktivitäten – beispielhaft haben wir die Zusammenarbeit mit dem SWR und dem SPIEGEL genannt – ergibt sich das Bild einer rein instrumentellen Medienbeziehung. Wenn Kritik primär als Aufforderung begriffen wird, nach juristischen Hebeln zu suchen, Kritik zu unterdrücken, und ansonsten Öffentlichkeitsarbeit als bloßes Marketing funktioniert, wird Wissenschaft zur Beute.

 

P.S.: Ein Beitrag, der die Öffentlichkeitsarbeit der MPG thematisiert.

 

10 Kommentare zu „Scharlatanerie und Öffentlichkeitsarbeit: Wie die Max-Planck-Gesellschaft ihren Status der Gemeinnützigkeit riskiert und alles tut, dass es keiner merkt

  1. Der Artikel sagt deutlich im letzten Satz, was eigentlich falsch läuft:“Wenn Kritik primär als Aufforderung begriffen wird, nach juristischen Hebeln zu suchen, Kritik zu unterdrücken, und ansonsten Öffentlichkeitsarbeit als bloßes Marketing funktioniert, wird Wissenschaft zur Beute.“ Hier ist die Frage, was getan werden muß, um eben nicht zur Beute zu werden. Wir haben damals in einem ähnlichen gelagerten Fall die Hilfe von Detektiven der http://www.detektei-schuett.de eingeholt, um sich Klarheit durch eine Recherche zu verschaffen. Manchmal ist eine ungewöhnliche Initiative nötig, um zu sehen, was ist die Wahrheit und was nicht.

    Gefällt 1 Person

  2. Hier sind Details zur Studie:

    At the Max Planck Institute of Psychiatry, there is a current approach to address design and methodological challenges in a large-scale randomized, controlled study evaluating three different psychotherapeutic methods as treatment of major or persistent depressive disorder (https://clinicaltrials.gov/ct2/show/NCT03287362?term=NCT03287362&rank=1 ). Beyond general efficacy investigation and comparison of schema therapy, cognitive behavioral therapy, and individual supportive therapy, a vast array of biological (e.g., genetic, epigenetic, inflammatory), brain imaging, social, cognitive, psychometric, and (neuro-) psychological information on patients is collected, aiming to identify optimal patient–therapy combinations for future personalized treatment. Moreover, the RCT-trial is conducted in an inpatient and day clinic setting and incorporated into usual psychiatric care while minimizing restraints on inclusion criteria such as psychiatric comorbidities. With high-dimensional translational data, and state-of-the-art methodologies and analyses, the study should provide a general framework from which answers to hypotheses of psychiatric research can be deduced.

    Gefällt mir

      1. Der SWR-Film ist sehr entlarvend und man gewinnt den Eindruck, dass es nur ums Abgreifen von Forschungsgeldern geht. Keck behauptet nämlich, dass die Voraussetzungen für alle Patienten gleich seien. Dies ist jedoch bei einem individuellen Medikamentencocktail, wie von ihm im Beitrag erwähnt, per Definition schon nicht gewährleistet.

        Gefällt mir

  3. Grundsätzlich ist es natürlich in Ordnung, viele Daten zu sammeln. Das ist schon auch sinnvoll. Die Frage ist: Was ist unter „state-of-the-art methodologies and analyses“ zu verstehen? Das klingt schon sehr schwammig. Und das multiple Testen senkt halt ordentlich das Signifikanzniveau … Die frage ist: Wie sauber werden die Probanden untersucht und wie viele will man einschließen – 1000, 10000? Skepsis ist angebracht. Was sagt denn die Psychotherapieforschungsszene dazu?

    Gefällt mir

Schreiben Sie einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Wechseln )

Verbinde mit %s