Plagiarius und Empörung.

Vor wenigen Tagen wurde der Plagiarius 2019 für besonders dreiste Produktfälschungen verliehen. Einen Wimpernschlag später findet mal wieder eine öffentliche Empörung über eine plagiierte Dissertation einer Ministerin statt. Um es vorwegzunehmen: Eine Diskussion darüber ist richtig und gut, der Doktortitel sollte gegebenenfalls entzogen werden. Allerdings ist man verwundert, wie heftig diese Diskussion im Vergleich zu einer plagiierten Habilitationsschrift des Chefarztes am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München geführt wird. Einer Arbeit, die der Erlangung der Lehrbefähigung an einer Universität dient, eingereicht von einem Wissenschaftler, der in der Wissenschaft tätig ist und bleiben möchte.

Die Empörung in der Öffentlichkeit kommt reflexartig und ist natürlich verständlich. Es steht die Glaubwürdigkeit einer Ministerin auf dem Spiel. Der Bürger macht sich darüber Gedanken, wie gut er von dieser Politikerin vertreten wird und ob sie das Vertrauen der Wähler verdient hat. Hier steht der Diebstahl geistigen Eigentums, das Plagiat, pars pro toto für Redlichkeit, Ehrlichkeit, ja für die Integrität des ganzen Menschen. Das ist verständlich, da dies für die meisten Wähler zu den wenigen Kritierien gehört, die ihm hierzu zur Verfügung stehen. Dennoch sollte man die Kirche im Dorf lassen. Die Arbeit gehört überprüft und gegebenenfalls der Titel entzogen. Da Frau Giffey jedoch nicht wissenschaftlich tätig ist, muss man dies nicht zwingend als Kriterium für ihre Qualifikation als Politikerin heranziehen.

VroniPlag
Beanstandungen bei VroniPlag zur Arbeit von Frau Giffey – stand 11.02.2019

Ganz anders verhält es sich jedoch beim Chefarzt und Direktor der Klinik des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie, Prof. Dr. Dr. Martin E. Keck. Ein kurzer Blick auf die VroniPlag-Auswertung zeigt bereits deutlich, dass der Wissenschaftler hier wesentlich umfangreicher „geschludert“ hat, als die Ministerin.

VroniPlag
Beanstandungen bei VroniPlag zur Arbeit von Prof. Keck – stand 07.05.2018

Bei der Habilitationsschrift von Keck kann man selbst bei bestem Willen nicht von einem Versehen sprechen, wenngleich die LMU hier zu einem anderen Ergebnis kommen mag.

Wer sich die Auswertung von VroniPlag genauer ansieht, wird schnell bemerken, dass hier bewußt mittels Copy/Paste und Ersetzen gearbeitet wurde. Exemplarisch möchte man sich Seite 97 der Habilitationsschrift bei VroniPlag betrachten. Auffallend sind hier mehrere Punkte, einige seien hier beispielhaft erwähnt.

  • „Cort“ aus der Quelle Schindele 2003 wird durchgängig zu Kortikosteron umbenannt. Dies muss schon aktiv geschehen. Das macht kein Computerprogramm von sich aus.
  • Beide Arbeiten geben an, dass „erstmalig die Wirkung zweier Benzodiazepine auf die mittels Mikrodialysetechnik gemessene Freisetzung von AVP aus den magnozellulären Neuronen des PVN untersucht“ wurden. Eigenartig, wird doch Schindele 2003 gar nicht als Quelle herangezogen.
  • Die Quelle Schindele 2003 wird im Gegensatz zu den weiteren Dissertationen, welche dem Autor als Vorlage dienten, mit keinem Wort in der Habilitationsschrift erwähnt. Auch in der Danksagung zeigt Autor Keck ein sehr schlechtes Gedächtnis zu haben. Sein Doktorand und Autor der Vorlage Schindele 2003 wird hier ebenfalls keines Wortes gewürdigt.

Zusätzlich sei erwähnt, dass der feine Herr Hochschullehrer die Ergebnisse seines Doktoranden Schindele in der  wissenschaftlichen Zeitschrift Neuropsychopharmacology veröffentlicht hat, ohne den Doktoranden als Co-Autor zu führen, oder ihn gar im acknowledgement der Publikation zu erwähnen. Ein eindeutiger Verstoß gegen die gute wissenschaftliche Praxis.

Der Zeitschrift gegenüber, die auf eine anonyme Anzeige eine Stellungnahme vom ehrlichen Herrn Keck einforderte, konnte er offensichtlich glaubhaft versichern, dass Schindele auf eine Autorenschaft verzichtet hätte – warum hätte er das tun sollen?

Und die Max-Planck-Gesellschaft ist froh, dass an den Vorwürfen nichts dran sei, so die Pressesprecherin Beck. Also alles aus der Luft gegriffen? Mitnichten. Die Verquickungen von LMU und MPG wurde an dieser Stelle schon mehrfach thematisiert. Doch wie verhält es sich mit der Publikation? Die Zeitschrift Neuropsychopharmacology ist eine Zeitschrift aus dem Nature-Imperium. Ein Verlagsimperium, welches vor einigen Jahren von der Verlagsgruppe Georg von Holtzbrinck übernommen wurde. Gesellschafter der Verlagsgruppe ist Dr. Stefan von Holtzbrink, Mitinitator und Vorsitzender des Stifungsrats der Max-Planck-Förderstiftung. Eine Stiftung, welche über ein Vermögen von ca. 500 Mio Eur verfügt und ausschließlich Projekte der Max-Planck-Gesellschaft fördert. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

Der Delinquent, wird – man glaubt es kaum – nach wie vor mit „weißer Weste“ von der Max-Planck-Gesellschaft beschäftigt und darf, soweit dies seine bescheidenen Fähigkeiten zulassen, weiterhin Wissenschaft betreiben. Die MPG lässt Gras darüber wachsen und vertraut darauf, dass die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft unter dem kecken Schummler in den eigenen Reihen nicht leidet. Nature & Co. wird’s schon richten ist man geneigt zu sagen.

Zurück zur öffentlichen Entrüstung im Fall Giffey. Während man offensichtlich bei Politikern ein anderes Maß ansetzt, welches hier meist zum Entzug des Titels führt, ist die Wissenschaft in den eigenen Reihen wesentlich großzüger. Dies obwohl hier Plagiatoren keck das eigene Nest beschmutzen und durch ihr Handeln die gesellschaftliche Akzeptanz hoher Forschungsausgaben aufs Spiel setzen. Doch an der geringen Wahrnehmung ist nicht nur die Öffentlichkeit schuld, sondern auch die vierte Macht, die Presse trägt dazu bei, dass man hier mit zweierlei Maß misst. Während vom Fall Giffey, Guttenberg & Co. in nahezu allen Medien berichtet wird, ist man bei „echten“ Wissenschaftlern nicht so interessiert, wie diese zu akademischen Ehren gelangen. Und so kann Keck auf seiner Homepage werbewirksam angeben, dass er „als apl. Professor an der medizinischen Fakultät Ludwigs-Maximilians-Universität München“ lehrt. Na dann Prost!

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Ein Kommentar zu „Plagiarius und Empörung.

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