Präsident in Not entlässt Keck

Martin Stratmann wurde von einer Senatskommission der Max-Planck Gesellschaft (MPG) für eine weitere Amtsperiode gewählt, die im Juni 2020 beginnen soll. An sich keine große Überraschung. Zwei Amtszeiten sind die Regel, nicht die Ausnahme. Vor ein paar Monaten hieß es jedoch noch, Stratmann kandidiere nicht für weitere 6 Jahre, und Bonhoeffer, Direktor am Max-Planck Institut für Neurobiologie, übernehme. Doch Stratmann hat sich umentschieden, und dafür hat er gute Gründe, will er nicht als gescheiterter Präsident in die Annalen eingehen. Nichts weniger als eine solide Brandmauer gilt es zu errichten, um das Übergreifen des Feuers am MPI für Psychiatrie (MPIP) auf die MPG zu verhindern. Mit der Entlassung des Chefarztes Professor Dr. Dr. Keck stellt er zumindest so etwas wie Handlungsfreiheit unter Beweis.

Für Stratmann war das MPIP stets ein unerschöpflicher Quell an Ärgernissen, was einerseits daran lag, dass sein Vorgänger Gruss am Ende seiner Amtszeit das Institut schnell noch neu besetzen wollte, egal wie, egal mit wem. Anderseits verschärfte und verschleppte die Generalverwaltung der MPG durch unprofessionelles Krisenmanagment offensichtliche Probleme, so dass die Deutschlands wichtigste Wissenschaftsorganisation in einen mittlerweile gar nicht so kleinen Abgrund schaut. Düster ist dieser unter anderem deswegen, weil die MPG ihre steuerliche Gemeinnützigkeit verlieren könnte. Hintergrund ist, dass die MPG nur unter sehr besonderen Bedingungen die Infrastruktur für privatwirtschaftliche Interessen finanzieren darf, und diese besonderen Bedingungen liegen hier nun einmal nicht vor. Oder besser: Die Regeln wurden grob missachtet.

2015 waren die Stimmen nicht mehr zu überhören, die da meinten, Professor Keck rechne unter Umständen nicht immer korrekt ab. Es geht um Privatpatienten. Der damalige Verwaltungsleiter gab in diesem Zusammenhang gegenüber der Generalverwaltung der MPG immerhin zu bedenken, dass die Kontrollstrukturen am MPIP nicht ausreichend seien und dass der neue Klinikleiter Keck die Bemühungen der Verwaltung, Transparenz hinsichtlich der Geldflüsse herzustellen, unterlaufe. Auch sprach er das bereits erwähnte Problem der privatwirtschaftlichen Nutzung MPG-finanzierter Strukturen an; das vereinbarte Nutzungentgeld deckte nämlich bei weitem nicht die Kosten. Um es kurz zu machen: Generalverwaltung und Präsident ließen den Verwaltungsleiter abblitzen. Das kumulierte Defizit des Krankenhausbetriebs beträgt mittlerweile mindestens die Höhe eines Jahresumsatzes.

Als die diesbezügliche Kommunikation 2016 einer interessierten Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde, regten sich auch SPIEGEL und SZ. Die jeweiligen Anfragen beantwortete die MPG damit, dass alles in Ordnung sei. An den Anschuldigungen, auch an dem Verdacht auf Abrechnungsbetrug … nichts dran. Wirtschaftsprüfer der BDO seien der Angelegenheit nachgegangen und hätten keine relevanten Unregelmäßigkeiten entdeckt. Aus dem uns vorliegenden Gutachten geht jedoch hervor, dass die Fragestellung an die Gutachter an der geschilderten Problemlage vorbei formuliert war. Geprüft wurden die Vorwürfe „der nachträglichen Manipulation von Zeitdauern zur Erzielung höherer Einnahmen“ und „der Zurückhaltung von Poolbeteiligungen“. „Compliance-Gesichtspunkte“ waren hingegen überhaupt kein Gegenstand der BDO-Untersuchung, obwohl der Verwaltungsleiter darauf gedrängt hatte, diese in die Fragestellung aufzunehmen. In einer Email an den damaligen Generalsekretär Kronthaler im Februar 2016 heißt es außerdem: „Erklärungsbedürftig ist aus meiner Sicht, weshalb die MPG zulässt, dass Herr Keck (als Beschuldigter) darauf Einfluss nehmen kann, wen die mit der Untersuchung Beauftragten (BDO) befragen dürfen.“

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Ausschnitt aus dem BDO-Gutachten 03/2016

Etwa ein Jahr später, also im Februar 2017, rückt die Staatsanwaltschaft ins MPIP ein. Ermittlungen gegen Keck wegen des Verdachts auf umfangreichen Abrechnungsbetrug werden publik. Es ist zu hoffen, dass durch einen öffentlichen Prozess auch die MPG selbst in den Focus gerät, die Arbeitsweise der Generalverwaltung, das machtbesoffene Selbstverständnis und die irrlichternde Kommunikation. Die zentrale Frage ist, wie es dazu kommen konnte, dass die MPG über Jahre ihrer Kontrollfunktion nicht nachgekommen ist, wie sie Kritiker abserviert und kriminelles Verhalten gebilligt hat. Offensichtlich ist der Apparat derart degeneriert, dass die Angleichung von Geltungs- an Machtansprüche reibungslos funktioniert: Wenn der Compliance-Beauftragte den Generalsekretär informiert, dass sich gerade der besagte Verwaltungsleiter hilfesuchend an ihn gewandt hat, muss folgerichtig der Verwaltungsleiter seinen Hut nehmen.

Stratmann muss nun beweisen, dass die MPG nicht nach den Regeln einer Bananenrepublik funktioniert. Er benötigt eine glaubwürdige Strategie, um sich der Stimmen derer zu erwehren, die einer stärkeren politischen Kontrolle der MPG das Wort reden. Die Entlassung des Klinikleiters Keck ist dafür sicherlich nicht ausreichend. Zurück bleibt der Eindruck, dass die MPG erst handelt, wenn sie unter Druck steht.

siehe auch:

https://wissenschaftalsbeute.wordpress.com/2018/08/02/scharlantanerie-und-oeffentlichkeitsarbeit-wie-die-max-planck-gesellschaft-ihren-status-der-gemeinnuetzigkeit-riskiert-und-alles-tut-dass-es-keiner-merkt/

https://wissenschaftalsbeute.wordpress.com/2018/01/11/die-krise-der-max-planck-gesellschaft-gesellschaft-auf-abwegen-2/

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